Zehntausende Brasilianer demonstrieren gegen Bolsonaros Corona-Krisenmanagement ⋆ Nürnberger Blatt

Jair Bolsonaro – Bild: Alan Santos / PR

Zehntausende Brasilianer sind am Samstag auf die Straße gegangen, um gegen das Corona-Krisenmanagement von Staatschef Jair Bolsonaro zu protestieren. Die Demonstrationen fanden in mehr als 20 Hauptstädten brasilianischer Bundesstaaten statt, darunter Rio de Janeiro, Brasília, Recife und São Paulo. Erst am Samstag hat Brasilien die Schwelle von 500.000 Corona-Toten überschritten.

“Wir haben täglich mehr als 2000 Tote”, erklärte die 21-jährige Studentin Tita Couto ihre Teilnahme an der Demonstration in São Paulo. “Wir haben mehr als 500.000 Menschen durch eine Krankheit verloren, für die es eine Impfung gibt”, fügte sie mit Blick auf Covid-19 und die schleppende Corona-Impfkampagne in ihrem Heimatland hinzu. “Bolsonaro, hör auf die Leute”, rief sie das rechtsextreme Staatsoberhaupt auf.

Viele erinnerten mit Schildern mit der Aufschrift „500.000“ an die traurige Zahl der Opfer der Corona-Pandemie in Brasilien. Auf Transparenten waren auch Parolen wie „Bolsonaro loswerden“, „Regierung von Hunger und Arbeitslosigkeit“ und „Jetzt impfen“ zu lesen.

In Brasilien sind nur 11,5 Prozent der 212 Millionen Einwohner vollständig gegen Covid-19 geimpft. “Es ist sehr frustrierend”, sagte der 34-jährige Demonstrant Felipe Rocha, der immer noch auf seine erste Injektion wartet.

Bolsonaro wird vorgeworfen, die Pandemie herunterzuspielen, um die schnelle Ausbreitung des Coronavirus gefördert zu haben. Er hatte die durch das Coronavirus ausgelöste Covid-19-Erkrankung als „kleine Grippe“ bezeichnet und die Maßnahmen der Länder und Kommunen zur Eindämmung der Pandemie wegen ihrer Auswirkungen auf die Wirtschaft kritisiert.

Zudem stellte Bolsonaro, der im nächsten Jahr eine Wiederwahl anstrebt, die Wirksamkeit der Corona-Impfstoffe in Frage. Bolsonaros Weigerung, die Gefahren des Coronavirus anzuerkennen, sei “absurd”, sagte der 50-jährige Robert Almeida bei einer Demonstration in Rio de Janeiro. Das Staatsoberhaupt habe sich “schon von der Realität verabschiedet”.

Ein breites Bündnis aus sozialen Organisationen, Gewerkschaften, Parteien und Politikern rief zu den Protesten auf. Unter ihnen war der linke Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva.

Am Samstag klagte Lula im Onlinedienst Twitter über die vielen Corona-Toten in seinem Land. „500.000 Todesfälle durch eine geimpfte Krankheit in einem Land, das weltweit eine Referenz für Impfungen ist“, schrieb Lula. “Es hat einen Namen: Völkermord.” Andere Politiker konfrontieren Bolsonaro mit diesem „Völkermord“-Vorwurf.

Brasilien hat die zweithöchste Zahl von Corona-Opfern weltweit. Ein parlamentarischer Ausschuss untersucht den Umgang der Regierung Bolsonaro mit der Pandemie.

Das größte Land Lateinamerikas wurde Anfang des Jahres von einer heftigen zweiten Infektionswelle erschüttert, täglich wurden mehr als 4.000 Tote registriert. Inzwischen deuten steigende Infektionszahlen auf eine dritte Welle hin.

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