Wirecard-Skandal 100.000 Wirecard-Mails enthüllen dem Skandal eine neue Dimension

Mehr als hunderttausend E-Mails von Wirecards Managementebene enthüllen explosive Details innerhalb des inzwischen insolventen Zahlungsdienstleisters. Reporter von WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung bewertete mehr als 200 Gigabyte an E-Mails und anderen Dokumenten.

Es bietet den bislang tiefsten Einblick in das Herz des Unternehmens, hinter dessen Türen sich einer der größten Wirtschaftsskandale der deutschen Geschichte ereignete. Den Reportern wurden die Daten durchgesickert – während der Auswertung fanden sie Spuren russischer Oligarchen, Dokumente auf Konten und Kreditkarten für Ermittlungen des Bundeskriminalamtes, mit denen sie mutmaßliche Kriminelle verurteilen wollten, und viele zweifelhafte Zahlungsströme.

Last but not least enthüllen die E-Mails von Wirecard die Arbeit einer großen Anzahl hochbezahlter Berater, die dazu beigetragen haben, dass sich die Gruppe jahrelang als Opfer von Leerverkäufern und einer orchestrierten Kampagne darstellen konnte. Allein im Jahr 2019 schätzte Wirecard diese wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Berater auf über 40 Millionen Euro. Mindestens ein Dokument zeigt, dass Ende Juni 2020 alle genehmigten Ausgaben des Konzerns für das Geschäftsjahr 2019 aufgeführt sind, von gut 15.000 Euro für eine Aufsichtsratssitzung im österreichischen Luxus-Spa bis zu 20.000 Euro, die auf übertragen wurden Der CDU-Wirtschaftsrat sollte – anscheinend ein Mitgliedsbeitrag.

Die Dokumente bieten auch einen Einblick in den „Freundeskreis“ um das flüchtige Wirecard-Vorstandsmitglied Jan Marsalek, das angeblich mit Hilfe der hauseigenen Wirecard-Bank von Krediten und Garantien profitiert hat. Marsalek soll diese Geschäfte geführt haben. Auf jeden Fall zeigen zwei vertrauliche Testberichte, dass insbesondere Marsalek eine Art Geldkarussell mit Partnerunternehmen und langjährigen Geschäftsfreunden organisiert hatte. Einer der geheimen Berichte stammt von den internen Wirtschaftsprüfern der Bank.

Das Manager-Magazin berichtete zuerst über ihn. Die andere stammt von einer Anwaltskanzlei aus dem September 2020. Dies sollte auch die bestehenden Vorwürfe gegen die Bankenaufsichtsbehörde (Bafin) zusammenfassen. Sie hätte früher bemerken müssen, dass fragwürdige Kredite und Garantien offenbar seit Jahren gewährt wurden. Jan Marsalek und andere Verdächtige sollen die Wirecard Bank gezielt instrumentalisiert haben, um angeblich Geld aus der Gruppe zu schmuggeln und auch Verkäufe auf Gruppenebene zu manipulieren. Das Geld aus Krediten der Wirecard Bank floss vermutlich zurück in andere Konzernunternehmen.

Das Kontaktnetzwerk der Wirecard-Manager erstreckt sich über ein breites Spektrum zwischen Kunden, die im Verdacht stehen, Geldwäsche zu betreiben, und wirtschaftlichen und politischen Eliten, die sie oder ihre Berater zugunsten von Wirecard betreiben lassen. Die Wirecard-Welt spielt in feinen Hotels am Tegernsee, in Berlin, auf den Seychellen oder auf Mauritius und zeigt, wie die Wirecard-Manager Teil eines Wirtschaftsjets waren, das das internationale Geschäft von Yachten, von Flugzeugsitzen und in Hotellobbys aus initiierte und anscheinend freigelassen wurde Millionen von Dollar mit Leichtigkeit.

Wirecard war auch ein Honigtopf für viele Berater. Vor allem viele Alumni: Ein ehemaliger Geheimdienstkoordinator war offenbar auf der Gehaltsliste von Wirecard, Karl-Theodor zu Guttenberg, ein ehemaliger Bundesminister, ein ehemaliger Polizeichef aus Bayern und eine PR-Agentur, Kai Diekmann, war offenbar auch ein ehemaliger Bildzeitung Chefredakteur arbeitet mit seiner „Story Machine“ für Wirecard. Sie alle nutzten ihre lebenslangen Kontakte, auch politische, für Wirecard.

Und anscheinend glaubten viele bereitwillig, die Wirecard-Erzählung sei ein Opfer böser Machenschaften von Leerverkäufern und der Diffamierung zweifelhafter Journalisten. Dies geht zumindest aus den zahlreichen E-Mails hervor, die WDR, NDR und SZ erhalten haben. Tatsächlich deckte diese Erzählung bis zum Ende des letzten Juni die Milliardenbetrugsfälle beim Zahlungsdienstleister ab, von denen so viele Abzieher und Berater jahrelang mit Gebühren profitiert hatten, manchmal in Millionenhöhe.

Karl-Theodor zu Guttenberg half Wirecard auch vier Jahre lang bei seiner Firma Spitzberg Partners und teilte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Treffen in der Kanzlei sogar mit, dass die Dax-Gruppe aus Aschheim den Eintritt in den chinesischen Markt plante, in dem sich die Kanzlei und die Botschaft befanden Peking sehr wohlwollend unterstützt. Der Ex-Verteidigungsminister hatte Wirecard jahrelang in seinen Kontakten eingesetzt. Guttenberg hatte bereits Mitte Dezember vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestages über seinen Rat ausgesagt.

Als ein Abgeordneter fragte, ob er mit Kai Diekmann Informationen über Wirecard ausgetauscht habe, sagte er, er könne sich nicht erinnern. Er wusste es nicht, konnte es nicht ausschließen, konnte es auch sein. “Ich weiß es nicht.” E-Mails und Zeitpläne deuten darauf hin, dass die beiden Mitte Januar an mindestens einem gemeinsamen Treffen teilgenommen haben. Der Ex-Bild-Chef Diekmann hatte offenbar im Zusammenhang mit der Leerverkaufsverbotsinitiative von Wirecard auch zwei Staatssekretäre im Ministerium für Wirtschaft und Finanzen kontaktiert. Nach einem ersten Treffen bot Diekmann erneut ausdrücklich an, dem Wirecard-Chef Braun per E-Mail zu helfen: Der Austausch hat großen Spaß gemacht.

Den Unterlagen zufolge wurden auch die beiden gut vernetzten ehemaligen Ministerpräsidenten Ole von Beust und Peter Harry Carstensen (beide CDU) im Interesse von Wirecard aktiv. Es ging um das Geschäftsfeld des Online-Glücksspielmarktes.

So tief der Einblick in die Wirecard-Welt ist, so unvollständig bleibt er: Neben dem üblichen E-Mail-Verkehr hat das Unternehmen auch einen verschlüsselten Kommunikationskanal eingerichtet. Dabei griffen sie auf den von Russen gegründeten Telegramm-Kurierdienst zurück, von dem auch WDR, NDR und SZ Nachrichten erhielten. Anscheinend war die App auf den Firmenhandys vorinstalliert. Bei explosiveren Themen wechselte man per E-Mail zum Kurierdienst.

Marsalek und ein enger Vertrauter nutzten den Kanal offenbar auch, um über das knifflige Kreditgeschäft zu sprechen. Kurz vor Marsaleks Flucht, als sich die Schlinge zusammenzog und die Ermittler mehrerer Prüfer Milliarden auf den Philippinen verschwundene und einen riesigen Bluff aufgedeckt hatten, tröstete Jan Marsalek einen engen Vertrauten per Telegramm: Wie immer ist nicht alles so einfach. Die Navy Seals würden sagen, der einzige einfache Tag war gestern.

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100.000 Wirecardmails zeigen eine neue Dimension des Skandals
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