Reaktion des türkischen Staates war vorhersehbar

(Symbolfoto: pixabay)

Ein Gastbeitrag von Nabi Yücel – yuecelnabi@hotmail.de

Die türkische Oppositionszeitung „Aydınlık“ titelt „Akademiker, nicht für den Frieden, sondern für Euros“. Die „Takvim“ spricht von Betrug in Millionenhöhe in Zusammenhang mit den „Barrikaden-Akademikern“, die nur wegen einem Kaderstreit aufgedeckt werden konnte. Mittendrin die Universität Duisburg-Essen, das ganze angestoßen von David Selim Sayers, Akademiker vom „Paris Institute for Critical Thinking„.

Was ist passiert? Zwischen März und April 2021 wurde die Direktorin des weltweit größten Instituts für Turkologie, Dr. Kader Konuk, klammheimlich zur stellvertretenden Direktorin „degradiert“. An und für sich nichts Aufregendes, aber David Selim Sayers, selbst Turkologe, scheint dabei eine große Rolle gespielt zu haben.

Stellenausschreibung wie maßgeschneidert

Von Anfang an: Angefangen hatte alles vor rund sieben Monaten. Da, im August 2019, suchte die Universität Duisburg-Essen eine/n „außerordentlichen Professor/in“ für Turkologie. Die Anforderung an der Stelle, so Sayers, sei überaus hoch und vielseitig gewesen. Laut Sayers war die Stelle wie zugeschnitten für ihn, weshalb er sich für die Stelle bewarb. Im Juni 2020 dann die ernüchternde Antwort der Universität Duisburg-Essen: Anderweitig vergeben.

Sayers verstand die Welt nicht mehr und zog sich bis Januar 2021 erst einmal zurück, bis ihn seine Ehefrau dazu anspornte, der Sache doch auf den Grund zu gehen. Sayers schrieb also eine Email an die Vorsitzende des Einstellungsausschusses Dr. Kader Konuk. Doch darauf antwortete niemand. Also verfasste Sayers eine zweite Email, diesmal gesetzt mit Cc an die Sekretärin von Konuk sowie deren Assistentin – um Kader Konuk in Verlegenheit zu bringen, so Sayers in seinem ausführlichen Artikel darüber, die er im Pariser Institut Online veröffentlichte. Auf die zweite Email reagierte man zwar, aber eher allgemein. Man bedanke sich für die Bewerbung und bedauere die Entscheidung, die Kandidatur nicht weiter an den Senat der Universität Duisburg-Essen weitergeleitet zu haben.

Misstrauen in die Hochschule wächst

Jetzt, berichtet Sayers, sei er stutzig geworden, zumal er auch die Mitbewerber gekannt habe. Außer ihm hatten sich noch vier weitere Kandidaten beworben, aber nur drei wären laut dem Hochschulgesetz im Endeffekt dem Senat vorgestellt worden. Sayers war also nicht einmal unter den drei platziert, obwohl sein akademischer Werdegang geradezu hervorsticht.

Nun wurde Sayers misstrauisch und schrieb Kader Konuk erneut an, um die Gründe für die Platzierung und Absage zu erhalten. Auch darauf kam erneut keine Antwort. Sayers setzte sich nun hin und recherchierte, welchen akademischen Werdegang die Mitbewerber vorzuweisen hatten. Akribisch stellte Sayers dabei die Stellenanforderungen mit dem Können der Mitbewerber und seiner Selbst gegenüber. Das Ergebnis war, dass die Anforderungen an der Stelle von Sayers selbst um längen übertroffen wurden, während die Mitbewerber „zufällig aus der Türkei kamen“ und Soziologen sowie Politologen und nur bedingt dazu geeignet waren, die Stelle anzutreten.

Universität Duisburg-Essen kommt ins Trudeln

Die Ergebnisse dieser Recherche fasste Sayers nun innerhalb von drei Tagen in einer Email zusammen und schickte es nun an den Präsidenten, der Kanzlerin sowie der Rechtsabteilung der Universität Duisburg-Essen. Darin verlangte Sayers ferner eine Untersuchung des noch laufenden Einstellungsverfahrens.

Sayers spricht in seiner Analyse von einem Betrug, der von Dr. Kader Konuk angestoßen worden sei. Konuk habe die Stellenbesetzung manipuliert, um unqualifizierte „Kumpels“ zum Posten zu erheben. Sie habe die Bewerbungsakte von ihm vor dem Senat geheim gehalten und damit die Mitbewerber übervorteilt, damit eine Straftat begangen.

Ergebnis: Es stellte sich heraus, dass die Universität Duisburg-Essen auf Druck Sayers hin eine Routineprüfung gestartet hatte. Im Februar 2021 schrieb Ulrich Radtke, Präsident der Universität an Sayers, dass die Rechtsabteilung eine Prüfung angestrengt habe, deren Abschluss und die daraus folgenden rechtlichen Schritte noch nicht abzusehen seien. Man werde ihn [Sayers] bei Zeiten noch darüber informieren, was aber nie geschah, so Sayers selbst.

Erst im Mai 2021 erhielt Sayers erneut eine Email, diesmal aber von Dirk Hartmann, dem Dekan der Geisteswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen und Chef von Kader Konuk. Er teilte darin mit, dass aufgrund der Feststellung von schwerwiegenden Verfahrensverstößen in Zusammenhang mit der Stellenbesetzung, das Einstellungsverfahren insgesamt eingestellt worden sei. Er [Sayers] habe zum späteren Zeitpunkt bei erneuten Bedarf jedoch die Möglichkeit, sich erneut bei der Universität zu bewerben. Sayers Antwort an Radtke und Hartmann war dementsprechend nüchtern und spitz: Er finde es unerträglich, überhaupt noch mit „Erzscharlatanen“ im selben Zimmer zu sitzen, geschweige denn dann von Kolleginnen und Kollegen zu sprechen.

Das Ergebnis war, dass die damalige Direktorin für das Institut für Turkologie klammheimlich zur Stellvertreterin „degradiert“ wurde, obwohl hier offensichtlich ein eklatanter Rechtsbruch erfolgte.

Zweiter Akt – Die Mitbewerber

Das ist aber nicht das Ende des akademischen Sumpfs. Es folgt der zweite Akt der Geschichte. Die Recherchen zu den vier Mitbewerbern ergaben, dass sie eine Gemeinsamkeit hatten: drei von ihnen hatten enge Verbindung zu Kader Konuk. Alle drei hatten sich an der Petition „Akademiker für den Frieden“ beteiligt, die, wen wunderts, von Kader Konuk selbst im Jahre 2016 angestoßen wurde. Die Petition wendete sich gegen das militärische Vorgehen der türkischen Regierung im Südosten der Türkei und forderte eine friedliche Lösung auf dem Verhandlungswege. 1128 türkische und ausländische Akademiker aus 90 Universitäten hatten daraufhin die Petition mitunterzeichnet, darunter auch Sayers.

Mitten in der Petition waren Nil Mutluer; Mitbegründer von „Akademiker für den Frieden“, Hilal Alkan; ursprünglich als Beirat im „Akademiker für den Frieden“ tätig sowie Nazan Üstündağ; ebenfalls aktiv an der „Akademiker für den Frieden“ beteiligt. Diese drei Damen waren die drei Mitbewerberinnen von Sayers, die von Kader Konuk bevorzugt behandelt wurden.

„Akademiker für den Frieden“

„Akademiker für den Frieden“ war ein Fundraising-Vehikel, das von der Flüchtlingswelle 2015 inspiriert wurde, bei der über eine Million Migranten und Flüchtlinge auf der Flucht vor dem anhaltenden Krieg in Syrien in Deutschland ankamen. Zu den vom deutschen Staat mobilisierten Mitteln zur Bewältigung der Flüchtlingswelle gehörten auch verschiedene Programme. Darunter ein Programm, das bedrohten Wissenschaftlern in ihren Heimatländern ermöglichte, ihre Arbeit in Deutschland fortzusetzen. Dabei stachen allen voran die Philipp Schwartz-Initiative hervor, die 2015 von der Alexander von Humboldt-Stiftung initiiert wurde. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass die überwiegenden Nutznießer dieser Programme nicht Wissenschaftler aus kriegszerrütteten Ländern wie Syrien oder Afghanistan waren, sondern aus der relativ stabilen und sicheren Türkei.

Es gab zu jener Zeit keinen offensichtlichen Grund anzunehmen, dass Akademiker aus der Türkei entweder stärker gefährdet oder anderweitig mehr Anspruch auf deutsche Förderung hätten als ihre Kollegen aus Syrien oder Afghanistan. Aber Deutschland beheimatet seit langem eine beachtliche Anzahl Türkischstämmiger, die heute in die Millionen geht und die mit Abstand größte Minderheit des Landes darstellt. Dadurch sind Deutschland und die Türkei einschließlich der deutschen und türkischen Wissenschaft eng miteinander vernetzt.

Es ist also denkbar, dass diese akademischen Netzwerke einen Löwenanteil der deutschen staatlichen Mittel aneignen könnten, die hauptsächlich für andere Gruppen bestimmt sind – Gruppen, die möglicherweise einem höheren Risiko ausgesetzt sind, aber nicht über das erforderliche Know-how und die notwendigen Verbindungen verfügen, um auf diese Ressourcen zuzugreifen.

Kader Konuk und die staatlichen Mittel

Von Anfang an hatte Konuk solche Stipendien vergeben, um einzelne Stipendiaten aus der Türkei nach Deutschland zu holen. Was aber, wenn man, anstatt sich mühsam für jedes einzelne Stipendium beim deutschen Staat zu bewerben, einen Weg finden könnte, türkische Gelehrte massenhaft nach Deutschland zu holen? Und was wäre wenn, anstatt die Finanzierung und die Auswahl der Mitstreiter in die Hände anderer zu legen, ein Weg gefunden werden könnte, die eigenen Mittel in die Hände zu bekommen, um nach Belieben auszugeben zu können?

Wie es das Schicksal so wollte, wurde recht bald ein Weg gefunden, diesen Weg zu beschreiten. Im Januar 2016 veröffentlichte „Akademiker für den Frieden“, der Nil Mutluer und Nazan Üstündağ seit mindestens 2013 angehören, eine Petition mit dem Titel „Wir werden an diesem Verbrechen nicht beteiligt sein!“ und beschuldigten den türkischen Staat des „absichtlichen und geplanten Massakers“ an „Kurdischen und anderen Völkern“ in den südöstlichen Regionen der Türkei.

In dieser Petition wurde an den Staat der Aufruf gerichtet, diesen „schweren Verstoß gegen die eigenen Gesetze der Türkei und internationalen Verträge, denen die Türkei beigetreten ist“, zu beenden. Die gleichzeitig in Türkisch, Kurmanji, Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Arabisch und Griechisch veröffentlichte Petition wurde von 1128 Personen unterzeichnet, darunter Mutluer, Üstündağ, Alkan und Konuk.

Die Reaktion war eingeplant

Die Reaktion des türkischen Staates war vorhersehbar. Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung der Petition meldete sich kein Geringerer als der türkische Präsident Erdoğan zu Wort und gab seine Zuversicht bekannt, dass „die zuständigen Institutionen ihre verfassungsmäßige und rechtliche Pflicht gegen diesen Verrat erfüllen werden, der nach unserer Verfassung und unseren Gesetzen ein eklatantes Verbrechen darstellt“. In den folgenden drei Jahren verfolgte der türkische Staat die Unterzeichner, wenn auch sehr zerstreut.

Über 800 wurden vor Gericht gestellt. Über 500 verloren ihre Posten in den Universitäten. Etwa 200 wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Vier wurden festgenommen und zwischen 22 und 76 Tagen inhaftiert. Dann, im Juli 2019, entschied das türkische Verfassungsgericht, das höchste Rechtsorgan der Türkei, dass die Anklagen das Recht auf freie Meinungsäußerung verletzten würden. Was folgte, war eine Reihe von Freisprüchen, die bis heute andauern.

Aber ungeachtet ihrer Auswirkungen – oder ihres Fehlens – auf das Leben der Mitunterzeichner und ungeachtet ihres offensichtlichen Versäumnisses, die mutmaßliche Notlage der Minderheiten in der Türkei zu verbessern, gelang der Petition eines: Sie machte „Akademiker für den Frieden“ selbst zu einem Opfer. Die üblichen Humanisten wie Judith Butler und Noam Chomsky fügten der Petition ihre Namen hinzu und erhielten Auszeichnungen von internationalen Verbänden.

Das Thema machte schlug sogar in westlichen Medien hohe Wellen. All dies war jenen egal, die wie Saylers die Petition einfach wegen ihres Inhalts wegen unterschrieben hatten und nichts weiter mit „Akademiker für den Frieden“ zu tun hatten. Aber diejenigen, die aktiv an der Organisation beteiligt waren – eine Gruppe von Personen, deren Namen nicht öffentlich bekannt sind – saßen plötzlich auf einer hochgradig exponierten Lage.

Dies entging Konuks Aufmerksamkeit nicht. Bis Ende 2016 versammelte sie zehn Mitglieder der „Akademiker für den Frieden“ an ihrem Esstisch in Deutschland und diskutierte über Möglichkeiten, Spenden zu sammeln. Schon bald bot sich eine Chance: Die Volkswagen-Stiftung, Deutschlands größte private Forschungsförderungseinrichtung, hatte sich im selben Jahr entschlossen, dem deutschen Vorbild zu folgen und ein eigenes Stipendium für geflüchtete Stipendiaten einzurichten, das sich ausdrücklich an „aus ihrem Heimatland geflohene Akademiker“ richtet, die in den letzten Jahren im Rahmen der Flüchtlingswelle ankamen. Mit Hilfe des Universität Duisburg-Essen-Kollegen und dem Insider der VW-Stiftung Volker Heins, der sich für seine eigenen bisherigen Projekte nicht weniger als drei VW-Stipendien gesichert hatte, überzeugte Kader Konuk die Stiftung, 900.000 Euro an Flüchtlingsgeldern in ein Projekt zu stecken, das sich ausschließlich an Wissenschaftler aus der Türkei richtet, und die „Akademiker in Exil“ (AiE) war geboren.

Wie genau die Dinge bei AiE ablaufen, ist etwas unklar. Aber deutlich ist, dass Konuk die Show leitet. Sie vereint in personalis unio die Rollen des AiE-Direktors, des AiE-Ratsmitglieds und des AiE-Auswahlausschussmitglieds – oder, anders ausgedrückt, zieht die exekutiven, legislativen und judikativen Fäden von AiE gleichermaßen. Der anfängliche fünfköpfige Rat, der mit der „Steuerung“ von AiE beauftragt ist, bestand aus dem Kernteam von Konuk, ihrem Geldbringer Heins und Georges Khalil, einem alten Konuk-Mitarbeiter aus Berlin. Pro forma waren auch die Vorgesetzten von Heins und Khalil dabei, nämlich Claus Leggewie vom Essener Institut für Höhere Studien und Friederike Pannewick vom Berliner Forum Transregionale Studien. Nachdem sie ihren Zweck erfüllt hatten, wurden diese beiden aus dem Rat ausgeschlossen.

Neben Direktor und Rat hatte die junge AiE auch ein „unabhängiges Kollegium“, oder einen Auswahlausschuss, dessen zehn Mitglieder die Stipendienanträge prüfen und bewerten sollten. Im Oktober 2017 veröffentlichte die AiE ihre erste Ausschreibung mit sechs Stipendien für jeweils 24 Monate. Kein Aufruf für die ganze Welt, aber auch dieser mit bestimmten Voraussetzungen: Bewerber durften sich nicht länger als drei Jahre in der Türkei oder im „Exil“ aus der Türkei aufhalten; sie mussten aufgrund ihrer wissenschaftlichen Arbeit oder ihres bürgerschaftlichen Engagements „gefährdet“ sein; und sie mussten in den Geistes-, Rechts-, Wirtschafts- oder Sozialwissenschaften tätig sein.

Ungeachtet der Voraussetzungen hätte man jedoch erwarten können, dass ein solcher Aufruf öffentlich bekannt gegeben wird, damit sich jeder bewerben kann, der die Kriterien erfüllt. Nicht in diesem Fall: Der Aufruf ging nach Konuks eigenen Worten nur an „die Netzwerke von Peace Academics und einige andere, von denen wir wussten, dass sie gleichgesinnt waren“. Mit anderen Worten, wenn Sie alle Kriterien erfüllten, aber keine Verbindung zu „Akademiker für den Frieden“ hatten, waren Sie dennoch berechtigt, dem Aufruf zu folgen – Sie haben nur keine Chance auf ein Stipendiat.

Gleichzeitig enthielt die Petition zwei wichtige Unklarheiten, die sicherstellten, dass Konuk ihre Bewerber unabhängig von einer tatsächlichen Gefahr auswählen konnte, der sie möglicherweise ausgesetzt waren oder nicht. Die erste Mehrdeutigkeit lag im Wort „Exil“, das im bewussten Gegensatz zu „Flüchtling“ gewählt wurde. Denn während „Flüchtling“ einen offiziellen Status mit definierten rechtlichen Parametern bezeichnen kann, ist „Exil“ ein vielschichtiger Begriff, der auf viele Situationen ohne Bezug zu staatlicher Verfolgung oder Bedrohung von Leib und Leben Anwendung finden kann. Nil Mutluer sagte es am besten, als sie 2017 in einem Interview ihre eigene Situation mit einer perfekten Mischung aus Genauigkeit und Arroganz beschrieb: „Ich bin kein Flüchtling. Ich bin ein Gelehrter im Exil.“

Die zweite Mehrdeutigkeit lag im Wort „Risiko“. Der Aufruf machte deutlich, dass Bewerberinnen und Bewerber „keinen Nachweis“ ihres „Risiko- und/oder Exilstatus“ vorlegen müssen. Einige Risiken mögen zwar sehr real sein, aber nicht ganz einfach nachzuweisen, daher war es sinnvoll, diesbezüglich einen gewissen Spielraum aufzuzeigen. Aber das bedeutet nicht, dass wir auf Beweise ganz verzichten müssen. Die Philipp Schwartz-Initiative beispielsweise verlangt von Antragstellern, dass sie entweder offiziell Asyl in der EU beantragen oder eine Gefährdungsbeurteilung einer anerkannten Organisation vorlegen.

Bei AiE ist der Risikobegriff wohlgemerkt lockerer definiert. Konuk selbst formuliert das so: „Wir schätzen das Risiko nicht ein. Wir sagen einfach „Ja bei Gefahr“ oder „Nein bei Gefahr“. Es spielt keine Rolle, ob jemand mit einer Gefängnisstrafe bedroht wird oder jemand auf seinem Campus eine einschüchternde Begegnung hatte.“ Mit anderen Worten, ob man tatsächlich von der türkischen Polizei verhaftet wurde oder einfach behauptet, dass einige Schüler nach dem Unterricht mit einem gesprochen haben, für AiE ist man immer „ja gefährdet“. Und man wird einem auch keine Sorgen machen, ob man für den Rest der Welt tatsächlich „kein Risiko“ darstellt denn niemand wird es jemals erfahren: AiE – zweifellos aus Sicherheitsgründen – gibt die Identitäten seiner Kameraden nicht bekannt.

Die anfänglichen sechs Stipendien wurden bald auf neun ausgeweitet, als Konuk noch mehr Mittel einwerben konnte: 140.000 Euro von der Freudenberg Stiftung, einer gemeinnützigen Stiftung des Mischkonzerns, der die Reinigungsprodukte der Marke Vileda besitzt, und 60.000 Euro vom „Scholar Rescue Fund“, einer US-amerikanischen Non-Profit-Organisation, die vom Institute of International Education gegründet wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte AiE also bereits mindestens 1.100.000 Euro gesammelt, die irgendwie auf neun anonyme Stipendiaten verteilt wurden, die nach so präzisen – und doch so vagen – Kriterien ausgewählt wurden, dass Konuk genau das finanzieren konnte, wen oder was sie wollte.

Aber Konuk war, wie sich herausstellte, gerade erst warm geworden. Im Dezember 2018 kündigte sie an, dass die Freie Universität Berlin der AiE acht neue Stipendienstellen und eine für einen Administrator zur Verfügung stellen werde, um ein Residenzprogramm zum Thema „Kritisches Denken“ zu schaffen. Mit Stellen meinte sie, dass die FU den Stipendiaten den physischen Arbeitsraum und vor allem die Legitimität einer Universitätszugehörigkeit zur Verfügung stellen würde. Aber natürlich gibt es diese Art von Legitimität nicht umsonst. Nein, es muss verdient werden – mit kaltem, hartem Geld, in diesem Fall von der Andrew W. Mellon Foundation, bei der Konuk 500.000 US-Dollar gesammelt hatte, und, etwas obskurer, von George Soros Open Society Foundations, die über 200.000 US-Dollar einbrachten.

Diesmal machte sich Konuk nicht einmal die Mühe, so zu tun, als ob jemand, der nicht von ihr vorausgewählt wurde, Glück auf einen der Posten hätte. Es gab keinen Aufruf zur Bewerbung – tatsächlich gab es kein einziges öffentliches Wort zur Auswahl, Dauer, Vergütung oder anderen Bedingungen der Stipendien. Die Ernennung der acht Stipendiaten und des Verwalters Achim Rohde war ein reiner Insider-Job ohne Publizität, ohne Rechenschaftspflicht und in der Folge auch ohne Glaubwürdigkeit.

Aber lassen Sie uns ein oder zwei Minuten bei der Soros-Verbindung verweilen, und das nicht nur, weil jeder ein bisschen Verschwörungstheorie mag. Konuk hat die Arbeit von Soros – insbesondere Open Society und Soros’ Central European University (CEU) – in jeden AiE-bezogenen Vortrag, den sie seit 2017 gehalten hat, einbezogen. Als sie 2018 ihr erstes Soros-Stipendium erhielt, versuchte sie sogar, seinen Namen richtig auszusprechen. Und bis 2019 war sie so leidenschaftlich für alles, was mit Soros zu tun hatte, dass sie die Kritik an der Open Society wahllos als „antisemitisch“ bezeichnete.

Angesichts dieser Begeisterung mag es überraschen, dass Soros Finanzierung von AiE ein offenes Geheimnis ist. Konuk hat es nur zweimal erwähnt: in einem beiläufigen Kommentar während eines Gesprächs und in ihrem Lebenslauf, mit der sie wirbt, wie viel Geld sie von wem gesammelt hat. Aber Open Society ist nicht als Sponsor in einer einzigen offiziellen AiE-Quelle aufgeführt. Stattdessen wird sie als „anonyme Spender“ oder bestenfalls als „anonyme Stiftung“ bezeichnet.

Der offensichtliche Grund für Open Society, anonym bleiben zu wollen, wäre nun, dass sie im November 2018, nur zwei Wochen bevor Konuk sich öffentlich als Sponsor geoutet hatte, ankündigte, den Betrieb in der Türkei aufgrund von Anfeindungen des türkischen Staates einzustellen. Aber es könnte auch noch etwas anderes sein. Wenn wir uns bekannte Affiliates von AiE und Soros CEU anschauen, stellen wir eine auffällige Überschneidung fest, insbesondere im Bereich der Gender Studies.

Nil Mutluer, Mitbegründerin von AiE, hat ihren Ph.D. in Gender Studies von der CEU. Anikó Gregor, AiE Mitglied an der FU Berlin, erhielt ihren MA in Gender Studies von der CEU. Judit Takács, eine weitere AiE-Stipendiatin, verbrachte zehn Monate im CEU-Programm für Gender und Kultur. Und Andrea Pető, Referentin beim AiE-Workshop 2020 zum Thema „Gender Studies im Exile“, ist Professorin für Gender Studies an der CEU.

Konuk wird auch nicht müde, ihr Publikum daran zu erinnern, dass die 1991 von Soros gegründete CEU in letzter Zeit – im Dezember 2018, eine Woche nachdem Open Society ihren Rückzug aus der Türkei angekündigt hatte, kündigte CEU ihren eigenen Rückzug an und erklärte, sie würde vollständig von Budapest nach Wien umsiedeln – aufgrund der Feindseligkeiten des ungarischen Staates sehr große Probleme hätte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass AiE damit begann, CEU-Mitglieder zu finanzieren, genauso wie Open Society mit der Finanzierung von AiE begann, und dieser Round-Robin-Finanzierungsrundgang fand statt, als der eigene Fortbestand von CEU in Frage gestellt schien. Es wäre schön zu glauben, dass Soros AiE aus der Güte seines Herzens finanzierte. Aber leider sieht es so aus, als hätte es Konuk nur für ein paar Schwarzmarkttickets im AiE-Zug nach Deutschland bezahlt. Diese Art von Hinterzimmerhandel reicht aus, um sich selbst mit dieser gut gemeinten philanthropische Anstrengung ins Abseits zu schießen. Wer braucht schon Feinde wie Orbán oder Erdoğan, wenn man Freunde wie Konuk hat?

Im April 2019 erklärte Konuk, dass AiE bisher insgesamt 27 Stipendiaten gefördert habe, „hauptsächlich Friedenswissenschaftler“. Zu diesen 27 gehörten die neun, die beim ersten Aufruf rekrutiert wurden, die acht, die heimlich nach Berlin verschifft wurden, und eine Reihe anderer, die unter so unklaren Bedingungen wie der Berliner Operation eingeschleust wurden. Mindestens acht von ihnen hatten „Nothilfestipendien“ erhalten. Von diesen Stipendien wissen wir nur, dass sie über das VW-Erststipendium finanziert und jeweils für drei Monate vergeben wurden. Wie man sich bewerben konnte, wie die Empfänger ausgewählt wurden, wie viel Förderung sie bekamen, ob sie es mehr als einmal bekommen konnten, ob sie irgendeiner institutionellen Aufsicht unterstanden oder nur Bargeld erhielten, und alle anderen Details bleiben stets unbekannt.

Schließlich hatte Konuk es auch irgendwie geschafft, einen AiE-„Gastprofessor“ an eine deutsche Universität zu vermitteln. Nun ist es eine Sache, eine Freundin oder Gehilfin auf eine relativ triviale Position wie ein Forschungsstipendium zu berufen. Aber eine Professur ist eine ganz andere Sache. Die Professur ist nicht nur in der Wissenschaft der Top-Job; es ist die Grundlage, auf der die gesamte Legitimität und das Prestige der akademischen Welt ruhen. Wie die Universität Duisburg-Essen gezeigt hat, als sie nach der Intervention von Sayers Konuk davon abhielt, eine AiE-Mitbewerberin auf die Professur für Türkeistudien zu berufen, neigen Universitäten dazu, diese Positionen dann doch sehr ernst zu nehmen.

Nichtsdestotrotz hat AiE, während Sayers diesen Artikel schrieb, nicht nur einen, sondern zwei Gastprofessoren an deutsche Einrichtungen vermittelt – einen für 12 Monate, den anderen für 24 auf 36 verlängert; der eine bleibt unbekannt, der andere hat eine Ähnlichkeit mit Meltem Gürle. Waren diese „Professoren“ für ihre Ämter qualifizierter als Konuks zugesteckte AiE-Kandidaten für die aufgegebene Professur für Türkeistudien? Oder kann AiE grundsätzlich nicht nur Stipendienstellen, sondern auch Professuren an deutschen Hochschulen kaufen? Und wenn ja, wie viel ist eine Professur wert?

Akt drei? Dieser Akt handelt über die sagenumwobene Metropole Berlin, denn hier verlagerte sich der Schwerpunkt der AiE, als die Freie Universität Berlin an Bord sprang. Diese und weitere Geschichten können Sie im Artikel von David Selim Sayers lesen…


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


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