Multiresistente Keime auf Putenfleisch von Aldi und Lidl

(Symbolfoto: pixabay)

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) fordert die Bundesregierung, die EU-Kommission und das EU-Parlament auf, die derzeit erlaubte Massenmedikation mit Reserveantibiotika in der Nutztierhaltung schnellstmöglich zu beenden. Die aktuelle Rechtslage hat gefährliche Folgen, warnt der Umwelt- und Verbraucherschutzverband und präsentiert eine Musteranalyse von Putenfleisch aus den Regalen der Discounter Aldi und Lidl.

Der Verkauf von Fleisch, das antibiotikaresistente Keime enthält, ist in Deutschland legal; es gibt keine Grenzwerte für diese Kontamination. Die Keime haben ihren Ursprung in der industriellen Massentierhaltung. Dort werden die Antibiotika unter anderem in die Tränke oder das Futter der Tiere eingemischt. Dies trägt zur Entwicklung von Resistenzen gegen die Medikamente bei. Seit Jahren finden staatliche Untersuchungen auch auf dem Fleisch von Puten aus intensiver Tiermast resistente Keime. Dennoch ist diese Praxis nach wie vor gesetzlich erlaubt, ebenso wie der Verkauf von derart kontaminiertem Fleisch.

Neue von der DUH in Auftrag gegebene Labortests zeigen nun, wie massiv die Belastung mit multiresistenten Erregern im Putenfleisch ist. Dazu führte die DUH 62 Testkäufe bei Discountern in verschiedenen Regionen Deutschlands durch, jeweils 31 in Lidl-Filialen und 31 in Aldi-Filialen. Türkei wurde immer auf Stufe 2 (stabiles Plus) gekauft. Die Proben wurden am Institut für Pharmazie und Pharmazeutische Mikrobiologie der Universität Greifswald unter der Leitung von Professor Schaufler untersucht. Das Ergebnis: Jede dritte Putenfleischprobe von Lidl und jede vierte Probe von Aldi war mit antibiotikaresistenten Keimen belastet. Bei jeder vierten Lidl-Putenfleischprobe (26 Prozent) fand das Labor sogar besonders schädliche Erreger, die gegen die für den Menschen wichtigen Reserveantibiotika resistent sind.

Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH: „Fabrikgeflügel werden mit Antibiotika vollgepumpt, Putenmast ist sogar ein erheblicher Teil der Reserveantibiotika. Dies ist besonders dramatisch, da sich hier resistente Erreger entwickeln, gegen die wir möglicherweise keine Medikamente mehr zur Verfügung haben. Dieses katastrophale System muss ein Ende haben. Auf EU-Ebene müssen Kommission und Parlament Reserveantibiotika als Massenarzneimittel in der Nutztierhaltung verbieten und nur noch zur Einzeltierbehandlung, beispielsweise für Heimtiere, zulassen. “

In Europa infizieren sich jährlich rund 670.000 Menschen mit antibiotikaresistenten Erregern, weit über 245.000 Infektionen stammen aus Quellen außerhalb des Gesundheitswesens, einschließlich Massentierhaltung. Bei Infektionen mit resistenten Erregern, bei denen viele Antibiotika nicht mehr wirken, sind Reserveantibiotika unverzichtbar. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt daher, Reserveantibiotika in Reserve zu halten und diese nur in Ausnahmefällen bei Haustieren und gar nicht bei Tieren in der Fleischindustrie einzusetzen.

DUH und der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, fordern das EU-Parlament auf, im September die Massenmedikation mit Reserveantibiotika in der Nutztierhaltung einzustellen

Frank Ulrich Montgomery, Präsident des Ständigen Ärztekomitees der Europäischen Union und Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes: „Die EU droht, zwei große Chancen zu verpassen: erstens Menschenleben zu retten, indem weitere Antibiotikaresistenzen verhindert werden, und zweitens den Tierschutz und das Wohlergehen von Nutztieren zu verbessern. Wir brauchen die Beschränkung der Verwendung von Reserveantibiotika beim Menschen, damit schwerkranke Menschen eine Chance auf Heilung haben. Und den Tieren dient auch die aktuelle Politik nicht. Antibiotika werden in der Tierhaltung eingesetzt, um Mängel bei nicht artgerechten Haltungsformen auszugleichen. Es liegt nun am EU-Parlament, bei seiner Abstimmung im September den Weg der Vernunft und Menschlichkeit zu gehen und die Novelle des Umweltausschusses zur Tierarzneimittelverordnung zu akzeptieren. “

Reinhild Benning, Agrarexpertin der DUH: „Lidl, Aldi und Co. haben vollmundig angekündigt, bis 2030 bessere Haltungsformen umzusetzen. Aber es darf nicht sein, dass sie noch neun Jahre lang Menschenfleisch mit multiresistenten Keimen verkaufen dürfen. Wir fordern einen sofortigen Ausstieg aus den Haltungsstufen 1 und 2. Der Handel muss mit den Betrieben der Haltungsstufen 3 und 4 langfristige Verträge zu fairen Erzeugerpreisen abschließen. Gesunde Tiere brauchen keine Antibiotika. Puten aus ökologischer Landwirtschaft sind deutlich weniger resistenten Erregern ausgesetzt als Puten aus konventioneller Massentierhaltung. “

Katharina Schaufler von der Universität Greifswald, die die Laboruntersuchungen durchgeführt hat: „Unsere Laborergebnisse zeigen, dass die routinemäßige Massenmedikation nicht ohne Folgen bleibt. Putenfleisch mit Exposition gegenüber multiresistenten Erregern gefährdet die Gesundheit der Verbraucher. “

Leave a Comment