Mufti İbrahim Şerif klagt über mangelnde Religionsfreiheit

Mufti İbrahim Şerif: “Türkisch-muslimische Religionsgelehrte werden aus fadenscheinigen Gründen vor Gericht gestellt”. Im Interview mit TRT Deutsch der gewählte Mufti von Gümülcine / Komotini kritisiert Griechenland für die Nichtumsetzung internationaler Abkommen zur Religionsfreiheit.

İbrahim Şerif wurde 1951 im Dorf Hasköy / Gümülcine im Nordosten Griechenlands geboren. Nach dem Abitur in Konya/Türkei studierte er Islamwissenschaft in Istanbul, die er 1978 erfolgreich abschloss. Im selben Jahr kehrte Serif in seine Heimat zurück und arbeitete als Imam in verschiedenen Moscheegemeinden in Westthrakien. Neben seiner Tätigkeit als Religionswissenschaftler gab er verschiedene Zeitschriften heraus und fungierte als Redakteur. Am 28. Dezember 1990 wurde Serif von Mitgliedern der Moscheegemeinden in Gümülcine mit 90 Prozent der Stimmen erstmals zum Mufti der Stadt gewählt.

In den Folgejahren wurde der islamische Geistliche von den Moscheegemeinden mehrmals wiedergewählt. Da die griechischen Behörden seine Wahl zum Mufti nicht anerkennen, wurde er mehrfach wegen „Vermessenheit“ vor Gericht angeklagt und verurteilt. Wegen dieser illegalen Praxis legte Şerif beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) Berufung ein und wurde 1999 für richtig befunden. Griechenland wurde wegen Geistesverletzung angeklagt; Glaubens- und Religionsfreiheit zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Theologe spendete die Entschädigung, die damals den Opfern des Erdbebens in Athen zugesprochen wurde. Şerif ist Vorsitzender des Beirats der türkischen Minderheit in Westthrakien.

Sie wurden von der türkischen Minderheit in Westthrakien als Mufti gewählt und werden von Griechenland an der Ausübung ihres Amtes gehindert. Warum erkennen die griechischen Behörden Sie und andere gewählte türkische Religionsgelehrte in Westthrakien nicht an?

Leider hat Griechenland im Laufe seiner Geschichte nicht die notwendigen Schritte unternommen, um internationale Abkommen in nationales Recht umzusetzen. Wie und unter welchen Bedingungen Muftis gewählt werden, regelt das Gesetz Nr. 2345/1920 des Athener Vertrags von 1913. Ohne das Gesetz über die „Wahl des Großmuftis und Muftis“ umgesetzt zu haben, hat es diese Verordnung durch ein Gesetz von 1990 aufgehoben .

Die türkisch-muslimische Minderheit in Westthrakien führte die 1990 vom Staat ausgesetzte und nicht durchgeführte Muftiwahl aus eigener Initiative durch. Der griechische Staat ernennt weiterhin Muftis. Danach wurden die vom Volk gewählten Muftis nicht anerkannt und manchmal wegen „Anmaßung“ an der Ausübung ihres Amtes gehindert. Manchmal, indem man sie zum Gegenstand einer Klage macht und das geht so weiter.

Ihr Prozess beginnt am 7. Oktober in Thessaloniki. Was genau wird ihnen vorgeworfen?

Die von der türkisch-muslimischen Minderheit gewählten Muftis werden vom griechischen Staat aus fadenscheinigen Gründen vor Gericht gestellt und psychisch unter Druck gesetzt. Einer der vielen Prozesse ist der Prozess in Thessaloniki, den Sie erwähnt haben. Das Gericht nahm meine Teilnahme an einer Beschneidungszeremonie für unsere weniger wohlhabenden Brüder im Stadtteil Alankuyu von Gümülcine zum Anlass und erhob deshalb Anklage gegen mich.

Wie viele Muftis gibt es derzeit in Westthrakien, die vom Volk gewählt und ernannt wurden?

Es gibt einen Mufti in Gümülcine und einen in İskeçe, die vom Volk ernannt wurden. Es gibt drei vom griechischen Staat ernannte „Muftis“, die sich in Dimetoka, Gümülcine und İskeçe befinden.

Griechenland greift in die religiöse Autonomie der türkisch-muslimischen Minderheit in Westthrakien ein. Was war das Ziel des Gesetzes, das im Volksmund als “Imam Law 240” bekannt ist?

Griechenland greift, wie Sie bereits sagten, mit unterschiedlichen Methoden in die aus Verträgen und Gesetzen resultierende Religionsfreiheit und Autonomie ein. Wir sind Zeugen, wie die aus dem Lausanner Vertrag von 1923 und bilateral mit der Türkei resultierenden Protokolle für Bildung und Kultur, die einen Sonderstatus und eine Autonomie ergeben, durch die Eingriffe in unsere Bildung problematisch geworden sind. Die gleiche Methode wird verwendet, um in unser religiöses Leben und in unsere Reichweite einzugreifen.

Ziel ist es, mit der als Imam Law 240 bekannten Verordnung in unsere Moscheen und den Religionsunterricht einzugreifen, um auch diesen Bereich unter staatliche Kontrolle zu bringen. Dies ist ein Versuch, die türkisch-muslimische Minderheit in Westthrakien in eine Situation zu bringen, die über einen langen Zeitraum die Sprache, Religion und Werte in Schulen sowie in den Gebetshäusern beeinflusst und sogar zu einer Assimilation führen kann.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Kemal Bölge

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