Mehrere EU-Länder stoppen Astrazeneca-Impfungen – WHO empfiehlt weitere Verwendung ⋆ Nürnberger Blatt

Corona-Impfung – Bild: Alinabuzunova über Twenty20

Nach der Aussetzung der Corona-Impfungen mit dem Impfstoff des Herstellers Astrazeneca in mehreren EU-Ländern hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Konsultationen für Dienstag angekündigt. Die führende WHO-Wissenschaftlerin Soumya Swaminathan empfahl am Montag den Ländern, ihre Impfungen mit Astrazeneca vorerst fortzusetzen. Aufgrund von Hinweisen auf mögliche Nebenwirkungen hatten Deutschland, Frankreich, Italien und andere EU-Länder zuvor die Verwendung der Zubereitung von Astrazeneca eingestellt.

Nach neuen Berichten über Hirnvenenthrombosen im Zusammenhang mit der Impfung in Deutschland und Europa hält das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) weitere Untersuchungen für notwendig, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag bekannt gab.

Spahn sprach von sieben gemeldeten Fällen von 1,6 Millionen Erstimpfungen mit Astrazeneca in Deutschland. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) wird entscheiden, ob und wie sich die neuen Erkenntnisse auf die Zulassung des Impfstoffs auswirken, sagte der Minister. Spahn hofft auf eine Entscheidung in dieser Woche. Der vorübergehende Stopp betrifft sowohl die erste als auch die zweite Impfung. Letzteres könnte nach einer Entscheidung zugunsten der weiteren Verwendung des Impfstoffs fortgesetzt werden.

Es ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, betonte Spahn. “Wir sind uns alle der Bedeutung dieser Entscheidung sehr bewusst.” Die Frage muss nun auch geklärt werden, ob der Nutzen der Impfung größer ist als die möglichen Risiken. “Eines ist klar: Nichtimpfungen haben auch schwerwiegende gesundheitliche Folgen.” Nach der Ankündigung des Bundesgesundheitsministeriums kündigten die Bundesländer auch an, die Impfungen auszusetzen.

Nach einer Reihe von Fällen schwerer Blutgerinnsel nach Impfungen hatten bereits mehrere EU-Länder vorsichtshalber die Verabreichung des Astrazeneca-Impfstoffs eingestellt. Nach Dänemark, Bulgarien, Irland und den Niederlanden haben am Montag auch Frankreich, Italien, Spanien und Slowenien diesen Schritt getan.

Das WHO-Beratungsgremium für Impfsicherheit trifft sich am Dienstag, um den Astrazeneca-Impfstoff zu untersuchen. Das Expertenteam hat die verfügbaren Daten zum Impfstoff überprüft und steht in “engem Kontakt” mit der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA), sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. Die EMA kündigte für Donnerstag ein Sondertreffen des britisch-schwedischen Herstellers zum Impfstoff an.

Die EMA sagte am Montag, dass sie vorerst an ihrer Einschätzung des Impfstoffs festhalte. Die Vorteile einer Impfung würden die Risiken überwiegen. Der WHO-Experte Swaminathan warnte ebenfalls vor Panik. Sie empfiehlt derzeit den Ländern, ihre Impfungen mit Astrazeneca fortzusetzen, sagte sie in Genf. Bisher wurde kein Zusammenhang zwischen dem Impfstoff und den Blutgerinnseln hergestellt.

Spahn empfahl den mit Astrazeneca geimpften Personen, sofort einen Arzt aufzusuchen, wenn sie signifikante Symptome hatten. Dies gilt insbesondere für Personen, die sich mehr als vier Tage nach der Impfung zunehmend unwohl fühlten und unter starken Kopfschmerzen oder “punktförmigen Hautblutungen” litten.

Bei der Analyse der neuen Daten stellte der PEI eine merkliche Anhäufung einer speziellen Form einer sehr seltenen Hirnvenenthrombose im Zusammenhang mit einem Mangel an Blutplättchen und Blutungen in der Nähe von Impfungen mit Astrazeneca fest.

Die Kritik am vorübergehenden Impfverbot kam von der SPD. “Ich halte das für einen Fehler”, sagte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach gegenüber dem ZDF. Das Vertrauen in Astrazeneca wird weiter sinken. “Es gibt keine neuen Daten, die den Stopp rechtfertigen”, sagte Lauterbach.

Auch die SPD-Europapolitikerin Katarina Barley äußerte sich irritiert. “Die neueste Generation von Antibabypillen hat Thrombose als Nebenwirkung bei acht bis zwölf von 10.000 Frauen”, schrieb sie im Kurznachrichtendienst Twitter. “Hat das bisher jemanden gestört?”

Der britisch-schwedische Hersteller des Impfstoffs wies die Bedenken zurück. Der Mitentwickler Andrew Pollard, Leiter der Oxford Vaccine Group, sagte am Montag, es gebe “sehr beruhigende Beweise” dafür, dass der Impfstoff in Großbritannien nicht zu einem Anstieg der Blutgerinnsel geführt habe – bisher seine Hauptanwendung in Europa.

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