Huawei will mit eigenem Handy-Betriebssystem aus der Defensive kommen ⋆ Nürnberger Blatt

Huawei – Bild: 9_fingers_ über Twenty20

Der chinesische Telekommunikationsriese Huawei hat seine ersten Handys mit dem eigenen Betriebssystem HarmonyOS auf den Markt gebracht. Das angesichts des massiven Gegenwinds aus den USA unter Druck geratene Unternehmen präsentierte am Mittwoch in seiner Zentrale in Shenzhen die Modelle, die es ohne Googles Android-System wieder ganz nach vorne auf dem Smartphone-Markt bringen sollen.

„Wir wollten mit HarmonyOS nicht einfach ein weiteres Android oder iOS produzieren“, sagte Chefentwickler Wang Chenglu während der Online-Präsentation mit Blick auf Konkurrenzprodukte von Google und Apple. “Unsere Besonderheiten sind das, was Android und iOS fehlt.”

Zum Beispiel könnten HarmonyOS-Smartphone-Benutzer auf Dateien, Dokumente und andere Inhalte zugreifen – von Computern bis hin zu Wearables wie Smartwatches und anderen verbundenen Geräten, sagte Wang. Das System kann auch eine Vielzahl von Apps akzeptieren, auch wenn diese nicht speziell für HarmonyOS programmiert wurden.

Huawei steht wegen des Handelsstreits mit den USA seit 2019 auf einer schwarzen Liste, die US-Regierung wirft dem chinesischen Unternehmen Wirtschaftsspionage vor. US-Unternehmen ist es daher untersagt, mit Huawei Geschäfte zu machen. Aus diesem Grund laufen die auch in Deutschland beliebten Smartphones bisher nur mit einer frei verfügbaren Version des Betriebssystems Android.

Analysten sehen Huawei im chinesischen Markt nach wie vor gut positioniert, da es dort einen enormen Anteil hat und über zahlreiche Apps verfügt, die größtenteils für chinesische Nutzer konzipiert sind. Doch ohne Google, Amazon oder Youtube dürften die globalen Perspektiven des Unternehmens getrübt werden, sagte Expertin Elinor Leung von der CLSA-Investmentgruppe.

Die Aufnahme der Möglichkeit, HarmonyOS in das sogenannte Internet of Things (IoT) einzubinden, ist jedoch vorausschauend. „In Zukunft werden alle smarten Geräte vernetzt sein“, sagt Leung.

Huawei ist der weltweit größte Anbieter von Telekommunikationsgeräten und stieg 2003 in das Mobilfunkgeschäft ein. Es wurde neben Samsung und Apple zu einem der drei größten Handyhersteller der Welt – im vergangenen Jahr sogar für kurze Zeit sogar auf Platz 1 – getrieben von chinesischer Nachfrage und Verkäufen in Schwellenländern.

Doch die unter dem damaligen Präsidenten Donald Trump verhängten US-Sanktionen, die das Unternehmen unter anderem für Komponenten von den globalen Lieferketten abgeschnitten haben, haben Huaweis Handy-Segment in Verunsicherung gestürzt.

Unter anderem wurde Huaweis Zugriff auf die Chips, die für die Herstellung eines Smartphones benötigt werden, eingeschränkt. Infolgedessen gingen die Auslieferungen in den letzten Quartalen dramatisch zurück. Auch unter Trumps Nachfolger Joe Biden dürften sich die Sanktionen vorerst nicht ändern.

Die Schwierigkeiten führten zu einer umfassenden Umstrukturierung des Unternehmens, das 1987 von Ren Zhengfei, einem ehemaligen Ingenieur der Volksbefreiungsarmee, gegründet wurde. Huawei konzentrierte sich also wieder auf den chinesischen Kernmarkt und schuf neue Produktlinien, die als weniger anfällig für den Druck aus den USA gelten.

In einem internen Memo, das letzte Woche durchgesickert ist, skizzierte Ren Pläne für einen Ausflug in die Computersoftware, weil “die USA in diesem Sektor nur sehr wenig Kontrolle über” Huawei haben. Zuvor hatte das Unternehmen unter anderem angekündigt, mit chinesischen Autoherstellern zusammenzuarbeiten, um intelligente Fahrzeuge zu entwickeln.

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