Der unaufhaltsame Niedergang der deutschen Mainstream-Medien

Die während der armenischen Besatzung zerstörte Saatlı-Moschee in Schuscha wird am 7. November 2021 wieder aufgebaut (Foto: Michael Reinhard Heß 2021)

Ein Gastbeitrag von Dr. Michael Reinhard Hess

Am 7. November war ich in Karabach, inklusive Shusha. Als Autor von zwei wissenschaftlichen Büchern und mehreren Artikeln über Karabach und in Vorbereitung auf weitere Forschungen zur Geschichte und Kultur Karabachs habe ich nicht gezögert, eine Einladung in den vor einem Jahr befreiten Teil Aserbaidschans anzunehmen.

Vor Antritt der Reise habe ich mehreren führenden deutschsprachigen Presseorganen einen exklusiven Bericht über meine Eindrücke aus Schuscha und Karabach unter Hinweis auf meine Kenntnisse in Aserbaidschanisch, Russisch und Türkisch, unter Nennung meines wissenschaftlichen Schmucks und einer Auflistung meiner wissenschaftlichen und sonstigen Veröffentlichungen angeboten zustellen. Vielleicht hätte ich hinzufügen sollen, dass ich kein Geld dafür wollte. Ergebnis: Nichts außer einer automatisch generierten Eingangsbestätigung. Nein ja, nein nein. Auch kein “Nein, weil…” Nur Stille.

Und dann dieser Artikel aus dem Süddeutsche Zeitung, eine der führenden deutschen Zeitungen, nach Meinung einiger vielleicht sogar die führende Zeitung. In gewisser Weise also die Alternative zu meinem nicht-schriftlichen Beitrag.

In der Person von Hannes Munzinger wiederholt die Süddeutsche Zeitung in ihrem Online-Text vom 7. November einige charakteristische Vorurteile, die in Deutschland über den Karabach-Konflikt, der vor einem Jahr mit dem aserbaidschanischen Sieg endete, kursieren. “Klassische Kriegspropaganda” ist, wenn ein neuer 500-Manat-Schein zeigt, wie aserbaidschanische Soldaten eine (aserbaidschanische) Flagge auf einem Hügel in Karabach hissen (den Munzinger bezeichnenderweise immer noch “Berg-Karabach” nennt) und wenn gleichzeitig das Zitat von Präsident İlham Әliyev „Karabach ist Aserbaidschan!“ ist auf der Banknote zu lesen.

Wenn Sie sich als Journalist, Wissenschaftler oder Mensch zu einer ernsten Frage ein Urteil bilden – und es sollte zumindest ein Konsens aller Parteien, einschließlich der deutlich voreingenommenen Mehrheit der deutschsprachigen sogenannten Qualitätsmedien, sein, dass die grausamen Der politisch-ethnische Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan ist eine todernste Angelegenheit – es ist angebracht, die Perspektiven aller Konfliktparteien auf der Grundlage gleicher Repräsentationsstandards zu berücksichtigen.

Dass Hannes Munzinger dieses Grundprinzip aller Berichterstattung völlig missachtet, wird bereits nach dem dritten Absatz seines Artikels deutlich. Wenn er das Motto „Karabach ist Aserbaidschan!“ beschreibt. (Im Original „Qarabağ Azәrbaycandır!)“ Im Rahmen der aserbaidschanischen „Kriegspropaganda“, warum erwähnt er dann nicht, dass die armenische Führung vor Beginn des 44-tägigen Krieges von 2020 spiegelverkehrt behauptet, nämlich „Karabach is Armenien. Und Punkt! “(Das Zitat erscheint in seiner aserbaidschanischen Form in der Rede von İlham Әliyev an die aserbaidschanische Nation am 27. September 2020, siehe https://präsident.az/articles/40968 ) zur Welt gebracht? Dieses Zitat wäre nach Hannes Munzingers eigenen Maßstäben zweifellos auch als Teil der „Kriegspropaganda“ zu sehen, nur die, die von Armenien betrieben wird.

Aber warum kritisiert der Autor nun eine aserbaidschanische Äußerung als “Kriegspropaganda”, erwähnt aber nicht einmal eine buchstäblich vergleichbare armenische Äußerung, die von einem politischen Gremium stammt, das in etwa mit der Position von Präsident Әliyev vergleichbar ist Um dazu Stellung nehmen zu können, ob die Armenische Aussage ist auch “Kriegspropaganda” oder nicht?

Anstatt auf eine Antwort zu warten – was ich weder von der Süddeutschen Zeitung noch von der Berliner Zeitung oder auch nur von irgendeinem Teil der sogenannten deutschen Qualitätspresse erwarte – gebe ich sie lieber mir selbst, weil es so offensichtlich ist oder ein anderer: Weil dieser eine Artikel einseitig und verzerrend ist. Denn er gibt bereits durch die Wahl seiner Terminologie (u.a. “Berg-Karabach”, dessen Land von aserbaidschanischen Truppen “erobert” wurde) und vor allem durch die Wahl der weggelassenen Fakten und Hintergründe zu verstehen, dass er die Ansicht von die armenischen Separatisten und Expansionisten (deren bis zum aserbaidschanischen Sieg am 10.

Einer der Kernaspekte des Konflikts, den Munzinger verschwieg: Das Land, von dem er sagte (kurz vor Kriegsbeginn 2020) sei “vorher von Armeniern gehalten” wurde “vor” ihm, nämlich 1992, von Armenien in a brutaler Eroberungskrieg. Dieser Expansionsschub hat den Tod Tausender Zivilisten, die Vertreibung von etwa einer Million Aserbaidschaner, Kriegsverbrechen wie das von Xocalı, die vorsätzliche und mutwillige Zerstörung eines bedeutenden Teils des aserbaidschanisch-muslimischen Kulturerbes von Karabach und Shushaz in insbesondere die barbarische Zerstörung des Hausmuseums des aserbaidschanischen Komponisten und Schöpfers der ersten aserbaidschanischen Oper Üzeyir Hacıbәyov und die Entsakralisierung von Moscheen. Bekanntlich hat der UN-Sicherheitsrat (Resolutionen 822, 853, 874, 884) bereits 1993 den illegalen Charakter der armenischen Aggression eindeutig verurteilt.

Durch das Weglassen solcher entscheidenden Aspekte des armenisch-aserbaidschanischen Konflikts kommt die Süddeutsche Zeitung natürlich ihrem offensichtlich angestrebten Ziel näher, nämlich eine Schuldbipolarität in das Geschehen einzubringen, deren negativer Aspekt (leider kann ich hinzufügen: in Deutschland , natürlich) liegt nur auf einer Seite, nämlich der Aserbaidschaner. Unabhängig davon, ob der UN-Sicherheitsrat die Besetzung von 20 Prozent des aserbaidschanischen Territoriums durch Armenien als faktische Straftat gebrandmarkt hat, für die Süddeutsche Zeitung ist Aserbaidschan der Eroberer und der Bösewicht.

Als Statement zum Geschehen in und um Karabach sollte der Beitrag der Süddeutschen Zeitung aus den oben genannten Gründen nicht ernst genommen werden (ich erspare den Lesern den unsäglichen Zusammenhang mit Myanmar). Aber es ist interessant als Indikator für den Rückgang journalistischer und diskursiver Standards inmitten der deutschen Publikationslandschaft.

Sie können Interesse simulieren, indem Sie sich zum Beispiel die Mühe machen, den Text auf der 500-Manat-Note zu übersetzen, aber dieses Interesse ist – nur eine Notiz. In Wahrheit spult die Süddeutsche Zeitung die Klischees über den ehemaligen armenisch-aserbaidschanischen Konflikt zurück, die in den deutschen Medien blind und unreflektiert kursieren, ohne auf den Kontext zu schauen, ohne sich selbst an den Imperativ von audiatur et altera pars zu erinnern. Bis zum Boulevard ist es nicht weit.

Es bleibt abzuwarten, ob die hier wie in Dutzenden vergleichbaren Fällen seit Kriegsausbruch am 27 Aserbaidschan. Aus Sicht einer scheinbar unerschütterlichen Mehrheit der deutschen Elitemedien in ihrer Einseitigkeit – aus welchen genauen Gründen eigentlich – wäre dies logischerweise die Voraussetzung für den Erwerb des moralischen Rechts, den Konflikt und seine Parteien zu bewerten.

Ich denke, dass eine solche Rückkehr zu mehr Ausgewogenheit, Kontextbetrachtung und Fairness nicht nur im Interesse eines dauerhaften Friedens in der südkaukasischen Region wäre, sondern auch im Interesse der Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit der deutschen Medienlandschaft in den Augen der aserbaidschanischen Öffentlichkeit, aber auch unzähliger Menschen außerhalb Aserbaidschans.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und geben nicht unbedingt den Standpunkt von nex24 wieder


Michael Reinhard Heß ist promovierter und habilitierter Turkologe und seit 2005 Privatdozent an der Freien Universität Berlin. Zum Thema Karabach verfasste er die Bücher „Panzer im Paradies“ (Dr. Köster 2016) und „Karabach aus der 13. Jahrhundert bis 1920“ (Gulandot, 2020).


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